Erfahrungsbericht: Der Astrohaus Freewrite

Vor einiger Zeit habe ich in diesem Blog darauf hingewiesen, dass ich mich am Kickstarter des Schreibcomputers „Freewrite“ beteiligt hatte, der damals aber noch „Hemingwrite“ hieß und später umbenannt wurde. Versprochen wurde ein „ablenkungsfreies“ Schreibgerät, das auf der einen Seite mit den Möglichkeiten der Digitalisierung geht, auf der anderen Seite aber ein möglichst minimalistisches Schreiberlebnis bietet. Also nicht mehr dauernd auf Facebook gucken oder Katzenvideos auf Youtube, sondern nur ich und der Text und sonst nichts. Das funktioniert natürlich nur, wenn man sich irgendwo aufhält, wo es keine anderen Computer gibt und wenn man sein Smartphone zuhause lässt. Ich möchte vorwegschicken, dass das bei einem vom Internet psychisch und physisch abhängigen Menschen wie mir natürlich Kappes ist. Den Freewrite habe ich benutzt, um mal an einem anderen Ort zu schreiben als an dem, den ich zuhause normalerweise dafür nutze. Ich möchte gleich darauf hinweisen, dass das Gerät meiner Ansicht nach als mobile Alternative etwa zu einem Laptop eher ungeeignet erscheint.

free2

Der Freewrite mit E-Ink-Monitor (von hinten angeleuchtet)

  • Features

Was kann der Freewrite? Es handelt sich um eine aus Aluminium gefertigte elektronische Schreibmaschine mit exakt drei (3) Speicherplätzen, deren Inhalt permanent und kontinuierlich über eine von Astrohaus bereitgestellte Web-Schnittstelle mit Cloudspeichern verbunden bleibt und daher ständig Sicherheitskopien erzeugt. Ich verwende hierzu die Dropbox sowie OneDrive, in beiden Fällen funktioniert das Speichern recht problemlos. Notwendig dafür ist natürlich eine WLan-Verbindung, ansonsten speichert der Freewrite nur lokal.

Das Gerät verfügt über eine mechanische Cherry-Tastatur mit einem relativ harten und lauten Anschlag, wie man es von einer solchen Tastatur auch nicht anders erwartet. Der Text kann in verschiedenen Schriftgrößen auf einem – wenn aktiv – beleuchteten e-Ink-Bildschirm angezeigt werden, es gibt aber keine Pfeiltaste, mit der man im Text springen kann, auch keine Suchfunktion. Es ist eine Schreibmaschine, kein Gerät zur Textverarbeitung. Das ist für schriftstellerische Arbeit lästig, denn man will öfter mal im eigenen Text etwas nachgucken, und das ist letztlich mit dem Freewrite nicht möglich. Das Gerät kann nie vollständig ausgeschaltet werden, ist also immer im Ruhezustand.

free4

Klickediklack macht die Cherry-Tastatur

Möchte man einen neuen Text beginnen, kann man den Speicher löschen, die Sicherheitskopien in der Cloud bleiben natürlich. Derzeit ist es nicht möglich, eine anderswo bearbeitete Datei aus der Cloud auf das Gerät zu laden, ein Feature, das von vielen Usern gefordert, und möglicherweise mit einem der nächsten Updates implementiert wird.

Neben dem Hauptbildschirm gibt es noch ein kleineres Display, das sechs verschiedene Spezialanzeigen anbietet. Da kann man die Uhrzeit sehen oder seine Schreibzeit stoppen, ich benutze eigentlich nur die Einstellung, die mir die Zeichen zählt und, wofür das auch immer gut sein soll, anzeigt, wie lange es dauern würde, meinen Text zu lesen.

free6

Bin noch nicht weit.

Es sind viele verschiedene Tastaturlayouts einstellbar, auch das deutsche QWERTZ-Layout, nur muss man sich dann entweder eigene Cherry-Tasten dazu kaufen und die falschen austauschen oder man macht es wie ich und klebt sich Buchstabenaufkleber auf die wichtigsten, die anders belegt sind. Das vorgegebene Layout der Tasten ist das englische.

  • Die Arbeitserfahrung

Der Freewrite ist ein angenehmes Schreibgerät, wenn man auf mechanische Tastaturen abfährt. Cherry macht Qualitätsarbeit und daher gibt es da nichts zu meckern. Die Speicherfunktion funktionierte nach einigen anfänglichen Problemen gut, ich kann das e-ink-Display gut lesen und es ist für meine Zwecke ausreichend. Wenn man den Freewrite jeden Tag etwa eine Stunde nutzt, kommt man mit einer Akkuladung gut 7-10 Tage hin. Man ist also nicht ständig auf der Suche nach einer Steckdose.

free3

Das kam unerwartet: Der Freewrite hatte leider bis vor kurzem keine Akku-Ladestandsanzeige.

Mit dem Aufladen ist es so eine Sache: Mein Freewrite lädt fröhlich auf, wenn ich ihn an meinen PC anschließe, er mag aber nicht, wenn ich ihn direkt mit dem Stromnetz verbinde. Es gibt wohl auch Probleme mit Anschlüssen an manche Macs, ob das Problem mittlerweile gelöst wurde, weiß ich nicht.

Das Gerät ist relativ schwer und trotz des eingebauten Tragegriffes recht unhandlich, es verfügt nicht über eine mitgelieferte Schutzkappe für die freiliegende Tastatur, was mich ein wenig stört. Das Gerät anstatt eines Laptops z. B. auf Reisen mitzunehmen, ist mir bisher noch nicht in den Sinn gekommen, da mein Laptop einfach viel leichter, einfacher zu transportieren und vielseitiger ist, vor allem, wenn man abends im Hotel sitzt und einfach nur daddeln oder surfen möchte. Nur für’s Schreiben den Freewrite zusätzlich mitzunehmen ist höchst ineffizient. Er ist daher eher etwas für Leute, die lieber im Café um die Ecke schreiben als zuhause und das Ding eben mitnehmen, um etwas geschafft zu bekommen.

Astrohaus hat beim Vertrieb der Kickstarter-Exemplare das Bananenprinzip verfolgt: Das Produkt reift beim Kunden, d.h. es kommen regelmäßig Firmware-Updates. Das ist auf der einen Seite zu begrüßen, da damit die Funktionalität des Freewrite regelmäßig erweitert wird. Mich hat aber auf der anderen Seite gestört, dass wichtige und versprochene Features – vor allem die Möglichkeit, Texte auch traditionell auf einen USB-Stick zu speichern – nicht von Anfang an mitgeliefert wurden. Wäre ich jemand, der sich oft außerhalb eines WLan-Zugangs befände, hätte ich ernsthafte Bedenken bezüglich Datensicherheit und ausreichender Backups. Gerade, wenn Manuskripte schon etwas weiter gediehen sind. Das würde mich arg nervös machen. Das neue Firmware-Update soll hier Abhilfe schaffen.

free5

Die Spannung steigt.

  • Fazit

Für eine abschließende Gesamtwürdigung ist es zu früh: die kontinuierlichen Firmware-Updates eröffnen die Möglichkeit für Astrohaus, erkannte Probleme zu lösen und ergänzende Funktionalität einzuführen, das Ganze ist also weiterhin „work in progress“. Ich schreibe gerne mit dem Gerät, wenn ich mal einen internen Tapetenwechsel haben will, und von meinem Schreibtisch genug habe. Es ist ein nettes Extra, aber letztlich ist es für mich nichts Notwendiges, und es hat auch meine Produktivität – von der ersten Ausprobierphase einmal abgesehen – nicht wesentlich erhöht. Das Gerät allein bewirkt nichts, man muss auch bereit sein, seine Angewohnheiten anzupassen, und dafür bin ich möglicherweise einfach zu alt. Unter diesem Aspekt betrachtet sind die rund 500 US$, die das Gerät kostet, für viele wahrscheinlich doch besser in einem Laptop mit einer ergonomisch gefälligen Tastatur und etwas mehr Selbstdisziplin angelegt.

Advertisements

Ein Kommentar

  1. Oliver Müller

    Danke für den ausführlichen Bericht. Ich hatte von Anfang an kein Interesse daran, mir so ein Gerät zuzulegen. Aber trotzdem ist es interessant. Die 500 Dollar wären mir auch definitiv zu viel.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s