Mit Science Fiction reich und berühmt werden

Der hier nun folgende Text erschien in der drittletzten Ausgabe des „Fandom Observer“, den aber nicht alle lesen dürften (leider). Daher erlaube ich mir, ihn auch einmal in diesem Blog zu dokumentieren, denn er trägt den mächtig wichtigen Untertitel:

Zur Ökonomie eines Kleinverlagsschriftstellers

Zur Einleitung: Von der Grundmotivation zur Belohnung

Schriftsteller schreiben im Idealfalle deswegen, weil sie in sich einen kreatürlichen Drang dazu verspüren. Da sind Worte und Sätze und Ideen und Bilder, das Bedürfnis, diese niederzuschreiben und in einen Zusammenhang zu bringen und damit etwas Genuines zu erschaffen. Und wenn schon nicht genuin, dann doch die ganz eigene Interpretation von etwas, das bereits einmal von jemand Anderem erdacht wurde.

Wer mit dem kreativen Prozess als solchem bereits zufrieden ist, verspürt nicht notwendigerweise den Drang, das Geschriebene auch zu monetarisieren. Zu Zeiten der guten alten Fanzines war es leicht möglich, die eigenen Werke einem grundsätzlich interessierten Publikum ans Herz zu legen und Feedback zu erhalten, das von wohlwollender Bewertung bis zum metaphorischen Tritt in den Hintern reichen konnte. Je nach psychischer Konstitution war dies dann Anreiz, mehr oder weniger zu schreiben. Heute geht das auf allerlei Webseiten und in literarischen Austauschforen.

Wenn dies aber irgendwann nicht mehr ausreicht und man aus einer absoluten oder relativen materiellen Deprivation heraus den Wunsch hegt, die Produkte dieses kreativen Prozesses auch in Geld umzuwandeln, beginnt die Frage nach dem Wie, dem Wie viel und den Chancen, die man sich realistisch dafür ausrechnen kann. In der heutigen Zeit, in der jeder sich mit einer Textverarbeitung ein ebook basteln und für Umme online stellen kann, ist die Hemmschwelle, „es doch mal zu versuchen“ auf ein extrem niedriges Maß gesunken. Belohnung durch finanzielles Einkommen wird zunehmend zu einer Determinante, zu der sich eine stetig wachsende Zahl von Autorinnen und Autoren bekennt. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Die Frage ist nur, welche Vorstellungen bezüglich solcher Einkünfte als realistisch zu bewerten sind, wenn man a. eher keine Bestseller schreibt (was im Genre der SF, um das es hier gehen soll, ohnehin eher selten vorkommt) oder b. nicht bei Perry Rhodan (oder einem vergleichbaren Projekt) unter Vertrag ist und zumindest auf den einigermaßen sicheren Zufluss von Honoraren bauen kann. Noch begrenzender kann – muss aber nicht – der Faktor sein, dass die großen Publikumsverlage zumindest im Bereich der Science Fiction kaum deutschsprachige Autoren veröffentlichen, von glanzvollen Ausnahmen einmal abgesehen (und anders als in der Fantasy, über die ich hier nicht reden will). Die allermeisten Autoren kommen daher „nur“ bei Kleinverlagen unter, die ein wenig anders operieren als die großen Buchkonzerne, und das auf verschiedenen Ebenen (und nicht immer notwendigerweise zum Nachteil des Autoren).

Wovon lebt der Kleinverlagsschriftsteller?

Im Regelfalle zahlen kleine Genre-Verlage nur Tantiemen und keine Vorschüsse oder Festhonorare. Dafür gibt es Ausnahmen, aber sie bestätigen wie immer eher die Regel. Dies hat zur Folge, dass die Autoren in einer sehr engen Bindung an den Misserfolg oder Erfolg ihrer Publikation gebunden werden: läuft sie gut, bekommen sie ihr Geld, läuft sie nicht gut, gibt es auch nichts, nicht einmal den nicht rückzahlbaren Vorschuss. Das Risiko ist also gleichmäßiger zwischen Verlag und Autor verteilt als bei den großen Häusern, die zusätzlich zum Publikationsaufwand auch die Gefahr eingehen, dass sie den gezahlten Vorschuss nicht refinanziert bekommen (ich weiß, dass es mittlerweile Verlagsverträge auch bei großen Verlagen gibt, die vereinbaren, dass der Vorschuss nicht garantiert ist, sondern die Autoren auffordert, diesen nach einer gewissen Zeit zurückzuzahlen – was ziemlich schlecht ist, wenn man die Kohle schon ausgegeben hat. Man will ja auch mal was essen…). Dabei schwanken die Zahlungszeiträume zwischen jährlich und monatlich, mitunter, wenn es gut läuft, haben Verlage sogar ein Interesse daran, öfter zu zahlen als vereinbart, um nicht mit Geldern hantieren zu müssen, die ihnen gar nicht gehören und die möglicherweise dazu verleiten, sie für anderes auszugeben. Die Geschichte der Kleinverlage in Deutschland, die in den 90er Jahren mit der ersten Welle von Heftromanserien-Reprints begonnen hat, sah auch so manche Pleite, und die Erkenntnis, dass allein der gute Wille, ein Verleger sein zu wollen, nicht vor betriebswirtschaftlicher Naivität schützt.

Angesichts der Tatsache, dass man das Risiko im Regelfalle in erheblichem Maße mitträgt, ist es eigentlich notwendig, sich genau zu überlegen, welche Ressourcen man einsetzt, um zu einer Veröffentlichung zu gelangen. Natürlich ist schriftstellerische Arbeit nicht nur Effizienzkriterien unterworfen. Ich bin mir bewusst, dass es genug Autorinnen und Autoren gibt, denen die gelegentlich publizierte Kurzgeschichte völlig genügt und die keinen signifikanten materiellen Ertrag aus ihrer Arbeit erwarten oder auch nur erhoffen. Es gibt aber auch jene – und damit nicht nur den Unterzeichnenden -, die durchaus die Auffassung vertreten, dass all die Mühe, das Ringen mit dem Text, die Über- und Bearbeitungen und die manchmal nicht sehr angenehme Auseinandersetzung mit kritischen (oder unverständigen) Lesern einer Belohnung bedarf. Vor allem dann, wenn man selbst nicht anderweitig finanziell auf Rosen gebettet ist, muss man sich überlegen, ob die Zeit, die man für das Schreiben investiert, sich nicht auch in irgendeiner Form positiv auf den Kontostand niederschlagen sollte.

Plädoyer gegen die Kurzgeschichte?

Unter einem ökonomischen Gesichtspunkt – ich sage das im vollen Bewusstsein, dass es natürlich auch andere gibt und dass dieser eben nicht von allen in den Vordergrund gestellt wird – ist das Verfassen von Kurzgeschichten zum Zwecke der Veröffentlichung und in der Erwartung einer Entlohnung Zeit- und Kraftverschwendung. Die großen Publikumsverlage veröffentlichen so gut wie keine Stücke dieser literarischen Form mehr, und die Kleinverlage mit ihren endlosen Anthologien, von denen selbst bei 300-400 verkauften Exemplaren (wenn es überhaupt so viele sind) letztlich nicht mehr als ein paar Cent bei den Mitwirkenden hängen bleiben, sind keine Alternative. Die ebook-„Minis“, in denen kürzere Texte individuell verkauft werden, haben sich noch nicht durchgesetzt und als marktfähig erwiesen, dafür haben die sog. „Self-Publisher“, die bergeweise Texte in Romanlänge zu Dumpingpreisen auf den Markt werden, schon gesorgt. Es gibt so gut wie keine Magazine, die Kurzgeschichten für ein Honorar abdrucken – das Geschäftsmodell von „NOVA“ hat sich ja erst kürzlich leider als Fehlschlag erwiesen – und damit bleibt dem geneigten Schriftsteller nicht viel an Möglichkeiten. Es wirkt hin und wieder schon fast rührend – bisweilen auch albern, das gebe ich zu – wie Kleinverlage sog. „Ausschreibungen“ veröffentlichen, als wäre dies die Verkündung des Heiligen Grals, und ebenso viele Autorinnen und Autoren darauf anspringen, als würde diese Verheißung ihrer schriftstellerischen Karriere tatsächlich einen signifikanten Schub geben. Eine Illusion, die bei einigen irgendwann zu einem heilsamen Realitätscheck führt, bei anderen aber augenscheinlich zu einem Versinken in einer Traumwelt, die aus Ausschreibungen besteht, denen man wie ein Hund hinterherhechelt, und gegenseitigen Lobesbekundungen, wenn man dann ausgewählt wurde, um mit 23 anderen Autoren in einer weitgehend unverkäuflichen Publikation am Ende wenig mehr als nichts zu bekommen.

Caveat: Ich will von dieser Betrachtung Kurzgeschichtenautoren erneut ausnehmen, die eine große Leidenschaft für diese literarische Form entwickelt haben und dabei sehr sorgfältig auswählen, wo sie die Kleinodien, die aus dieser Leidenschaft entstanden sind, dann veröffentlichen. Ich nenne keine Namen, aber man findet sie im Regelfalle nicht in der Liste irgendwelcher zum Scheitern vorgezeichneter Anthologien wieder. Das scheint aber nur wenigen zu denken zu geben.

Womit verdient man also Geld?

Erstens: mit Romanen. Zweitens: mit Zyklen und Serien. Drittens: mit offensivem Marketing der eigenen Produkte, über das Maß hinaus, das der Verlag zu bieten imstande ist. Viertens: mit einer langen Backlist, die sich individuell bescheiden, kumuliert aber zufriedenstellend verkauft und fünftens: mit eiserner Schreibdisziplin und einem erheblichen quantitativen Output (und damit meine ich 4-5 Romane im Jahr, und nicht nur einen oder anderthalb).

Einzelromane verkaufen sich nur im Sonderfall gut. Es gibt diese Sonderfälle, aber sie bestätigen erneut nur durch ihre Ausnahme die Regel. Serien und Zyklen, mindestens Trilogien, werden weiterhin viel großzügiger und intensiver goutiert, weil viele Leserinnen und Leser gerne etwas länger bei liebgewonnenen Protagonisten und in interessanten Welten verweilen.

Man muss das, was man schreibt, intensiv selbst vermarkten helfen, allein schon deswegen, weil die Kapazitäten von kleinen Verlages zum Marketing oft relativ begrenzt sind und man sich nicht auf einer angeblichen Arbeitsteilung ausruhen darf, die dem Verlag alle verkaufsfördernden Aktivitäten zuschreibt.

Man muss fleißig sein und schnell. Fleißig, weil eine stetig wachsende Backlist einen langfristigen Verkaufserfolg sichert, und zwar nicht in Bezug auf den individuellen Titel, sondern in der Summe aller. Dieses Argument hat sich durch die dauerhafte Verfügbarkeit von ebooks noch einmal potenziert, und das gilt für viele Autoren.

Man muss schnell sein, denn wenn man sich auf die Idee eingelassen hat, dass der Einzelroman hinter dem Mehrteiler zurücktritt, darf man die Leser nicht warten lassen: der Nachschub muss rasch kommen. Natürlich kann es sein, dass man so genial schreibt, dass man sich sechsjährige Pausen erlauben kann (wie Herr George R. R. Martin), aber das dürfte für die meisten eher nicht gelten. Daher muss nachgeliefert werden, möglichst rasch, möglichst zuverlässig, möglichst in gleichbleibender Qualität. Das ist nichts für die Faulen oder jene, die über regelmäßige Schreibblockaden klagen, und es ist vor allem nichts für jene, die mental noch nicht den Sprung vom schriftstellerischen Hobby zum professionellen Schreiben gemacht haben. Eine solche Vorgehensweise erfordert Selbstdisziplin. Cory Doctorow sagte einmal, dass im Nachhinein gesehen die Texte, die er allein mit Disziplin geschrieben hat, nicht viel schlechter waren als jene, die im inspirierten Schreibrausch entstanden sind. Fakt ist, dass man nicht auf die Muse warten sollte, wenn man es ernst meint.

Glaub ja nicht, dass es um Dich geht!

Natürlich, wenn man eine Reihe von Romanen veröffentlicht hat und diese nicht allzu katastrophal geschrieben waren, dann entwickelt sich eine Schar von Leserinnen und Lesern, die alles kaufen, was man herausbringt, weil der Name drauf steht. Das ist sehr schmeichelhaft, unter einem ökonomischen Gesichtspunkt aber vernachlässigbar. Tatsächlich ist es viel häufiger der Fall, dass treue Kunden eine bestimmte Art von Texten kaufen, und sobald man einmal diese Art von Texten vernachlässigt, um „etwas anderes“ zu schreiben, kann man sehr schnell damit baden gehen. War man erfolgreich mit spaßigen Space Operas, müssen sich die harten MilSF-Romane nicht gut verkaufen. Ist man ein guter Fantasy-Autor, kann man in der SF versagen. Oft muss man sich bereits beim Wechsel in ein Subgenre die Leserschaft neu erarbeiten, denn allein die „ewigen Fans“ sorgen zumindest im Kleinverlagsbereich nicht für einen gesicherten Absatz. Man muss daher auf dem Teppich bleiben und auch nach einem Erfolg nicht davon ausgehen, dass alles danach nun ein Selbstläufer sein wird. Das gilt natürlich für Autoren, die bei den großen Publikumsverlagen veröffentlichen, analog ebenfalls. Dort ist die Fallhöhe oft sogar noch größer und die Ernüchterung niederschmetternder.

So sehr die eigene schriftstellerische Arbeit also auch immer Ausdruck der eigenen Individualität ist und damit eine schriftliche Erweiterung der eigenen Persönlichkeit – man ist ja kein Schreibroboter! -, so wenig sollte man sich darauf einbilden. Den meisten Lesern ist man als Person völlig egal und letztlich austauschbar. Ihnen geht es darum, wieder eine spaßige Space Opera, einen harten MilSF-Roman oder sozialpädagogische Weltversteher-SF zu lesen, wenngleich in einräumen möchte, dass Letztere so wenige sein dürften, dass man damit eher keinen ökonomischen Erfolg zu erwarten hat.

Ab wann lohnt es sich?

Das muss natürlich jeder selbst wissen. Ich habe im Jahre 1998 mein allererstes Romanhonorar kassiert, das ist jetzt 16 Jahre her. Ich lebe nicht allein, sondern habe eine Familie zu ernähren, was nun nicht auf jeden zutrifft. Ich habe ein individuelles Konsumverhalten, das bei Anderen in einigen Bereichen weniger exzessiv sein dürfte, also kann es keine pauschale Antwort geben. Jeder kann die Grenze, ab wann man mit dem materiellen Ertrag zufrieden ist, woanders setzen. Tatsache ist, dass ich mit einer Backlist von mehr als 30 Romanen und darunter einigen Werken, die einigermaßen gut laufen, etwa die Hälfte des Lebensunterhalts meiner Familie aus Romantantiemen bestreiten kann – erstmals im Jahre 2013, um genau zu sein. Und die Unsicherheit, ob 2014 besser oder schlechter wird, kann niemand durch Extrapolationen des Vergangenen ausräumen. Ich weiß aber, dass die Kurve sofort rapide nach unten gehen würde, wenn ich eines der fünf Kriterien, die ich oben genannt habe, sträflich vernachlässigen sollte. Ich habe natürlich nicht die Absicht, das zu tun, aber man ist nicht gegen alle Unwägbarkeiten gefeit und auch Verleger sind oft genug undurchsichtig in ihren Entscheidungen, was sie nun verlegen wollen oder nicht (und nein, „Self-Publishing“ ist für mich keine Alternative).

Reich werden durch Science Fiction, das ist in Deutschland als Kleinverlagsautor relativ schwer. Aber es ist möglich, ein einigermaßen ordentliches Zubrot zu verdienen. Ein wenig Anpassungsbereitschaft ist dafür allerdings unabdingbar.

 

 

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