Warum die Science Fiction nicht am Ende ist

Auf Telepolis und in den Foren geistert es wieder herum – nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. Die Science Fiction, so wird mit Grabesstimme getönt, sei am Ende. Was wird hier zur Argumentation herangezogen? Zum einen ist es die klassische, so typisch deutsche Kulturkritik, die der SF Massengeschmack und Einerlei vorwirft, sich an amerikanischen Fernsehserien und Romanzyklen abarbeitet, und verzweifelt nach dem sucht, was wahre SF eigentlich sein sollte, irgendwas mit einem tieferen Sinn, einer Aussage, einer gesellschaftlichen Bedeutung, etwas für die Feuilletons und diejenigen, deren literarische Anerkennung man so verzweifelt wie vergeblich sucht. Zum anderen sind es Statistiken, die herangezogen werden, Zahlen vom Welt(en)untergang, Umsatzrückgang im SF-Bereich, langsam, beharrlich, unausweichlich. Endzeitstimmung macht sich breit, eine krude Mischung aus Zahlen, die keiner verstanden hat und aus deterministischer Kulturkritik, die eher Kulturpessimismus ist und auf der Basis von Maßstäben argumentiert, die die meisten Menschen gar nicht teilen. Dass dann noch die üblich-üble Routine der Kapitalismuskritik dazu kommen muss, ist heutzutage nahezu unausweichlich, eine besondere Ironie einer Welt, in der es kaum einen Staat mit einer Staatsquote von weniger als 40 % am BSP gibt – was alles mögliche ist, aber ganz ganz sicher kein freier und ungebundener Kapitalismus.

Alles blöder Rotz.

Warum? Zum einen, weil Science Fiction immer vornehmlich Unterhaltungsliteratur war, und ihre Existenzberechtigung sich immer zu 90 % aus dem ergeben hat, was ihre Leser gerne auf Bahnreisen und morgens im Bus zur Arbeit oder abends in der Badewanne lesen. Raumschiffe. Sense of wonder. Ordentliche Explosionen. Überbordende Fantasie. Grenzenlosigkeit in der Beschreibung von galaktischen Völkern, von alternativen Gesellschaftsformen, von physikalischen Seltsamkeiten (manchmal auf der Basis der Naturwissenschaft,  manchmal in völliger Ignoranz derselben – so what?). Protagonisten, die im Leser Leidenschaft auslösen. Antagonisten, deren Seele man in der Hölle schmoren sehen möchte – außer, man kämpft auf der Seite jener, die die Höllen abschaffen wollen, schon aus Prinzip. Es ist das „alles ist möglich“ und „es geht alles“, die Grenzenlosigkeit in Verbindung mit ausreichend Vertrautheit, die uns verstehen lässt, was da passiert. Das ist die SF, die gelesen wurde und die gelesen wird. Manchmal ist die einfach geschrieben und die Kadenz der Explosionen ist größer, manchmal ist sie komplexer geschrieben und verlangt etwas mehr Anstrengung. Aber es ging nie um literarische Anerkennung und es ging auch nie darum, „etwas zu verändern“ oder „auf etwas hinzuweisen“ – das ist der Job der Utopien, Dystopien, Anti-Utopien, und sie machen ihn gut, interessanterweise besonders gut, wenn sie gleichzeitig Science Fiction sind. Diese SF geht nicht unter, die verlagert sich auf neue Themen, sie dringt in den literarischen Mainstream ein, sie überspringt Genregrenzen. Und diese ganz spezielle Entgrenzung löst Unbehagen aus, vor allem dann, wenn man sich mit Abgrenzungen so wunderbar eingerichtet hat.

Zum anderen ignorieren die Zahlen, die sich immer noch auf den stationären Buchhandel begrenzen, beharrlich nicht nur die Entgrenzung des Genres, sondern auch die simple Tatsache, dass ein Großteil der SF in Deutschland gar nicht mehr im stationären Buchhandel auftaucht, sondern online vertrieben wird und als ebook. Dass sie gar nicht mehr in den großen Publikumsverlagen publiziert wird, sondern in einer aktiven, florierenden Kleinverlagsszene. Und heißt das, dass die Auflagen damit in dem Bereich liegen, der notwendigerweise dazu führt, dass SF „am Ende“ sei? Mitnichten. Kleinverlagsproduktionen erreichen mittlerweile Auflagen, die Publikumsverlagen nicht fremd sind. Nur, weil man in der Spiegel-Bestsellerliste nicht auftaucht, heißt das nicht, dass die SF „am Ende“ sei. Und gerade hier liegt auch für die „literarische“ SF eine Chance, ihr Nischendasein zu erhalten – weil es dort Verleger gibt, die auch bereit sind, ein Buch zu verlegen, wenn es sich nicht mehr als 500mal verkaufen wird. Gut so. Fein. Das sichert die Vielfalt und die Bandbreite. Es spricht auch gegen das „Ende“. Für viele ist es sogar ein neuer Anfang.

Als SF-Schriftsteller kann ich diese verkopfte und realitätsferne Diskussion nur schwer ertragen. Sie ist eine Beleidigung für mich und meine Leser, eine Mischung aus albernem Dünkel, intellektueller Überheblichkeit, weitgehendem Unverständnis, dem Neid der Erfolglosen gegenüber jenen, die keine Lust haben, nur für einen elitären Zirkel an Berufsempörten zu schreiben. Ich bin übrigens trotzdem nicht beleidigt, aber dieser Diskussion mittlerweile etwas müde. Dennoch hat all das etwas Gutes: Diejenigen, die sich dem Credo der literarischen Endzeit nicht anschließen wollen, werden mit noch größerer Energie alles daran setzen, um zu beweisen, was für eine alberne Koketterie mit dem Untergang das ist. Dafür bin auch ich dankbar.

Erwartet mehr!

Und ich bin nicht der Einzige, der heute vor der Tastatur sitzt und dieses Versprechen einzulösen bereit ist.

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18 Kommentare

  1. HMP

    Sehr schön und sehr wahr! Ich kann diese leidige Diskussion auch nicht mehr hören. Jedenfalls nicht mit ernst, sondern nur noch amüsiert.

  2. Bernd Robker

    Wie schön, dass solche Diskussionen vollkommen an mir vorbeigehen. Ich bin ein Science-Fiction-Fan, war es immer und werde es immer sein. Was schert mich irgendein vorhandener oder nicht vorhandener Trend?

  3. /aw/

    Ich stimme zu: Adventure rulez! Bestsellerlisten sind sowieso für die Katz, auch wenn sich natürlich jeder freut, der darin auftaucht. Ich denke, viel Frust in dieser Debatte verdanken wir enttäuschten Träumern, die einst hofften, einen „Hit“ landen zu können, und die dann erkennen müssten, dass nur eine Sache immer reichlich zu haben ist: harte Arbeit.

  4. r0ll1ng3r

    Ich habe viel gelesenim Bereich SF und lese fast nur SF. Bis hin zu mehrern hunderten Perry Rhodan Heftchen (um auch zu zeigen das ich nicht nur von Lem oder Asimov rede) die immer irgendwie da waren, als ich noch ein Teenager war.
    Aber dieses Star Trek Zeug oder Star Wars? …Star..Irgendwas. Da muss ich laut lachen. Das sind nur Soaps in 70er Jahren Overall ohne echte Handlung. Mit Whoopie Goldberg an der Theke.
    Wer glaubt das das was mit SciFi zu tun hat. Danke. Aber es entspricht dem wenn Leute sagen, sie gingen zu McDonald’s etwas essen. Selber Kulturkreis, selbe Herkunft, diese Mahlzeiten.

  5. susannegerdom

    Wahr, wahr, wahr. Ich denke, dass die SF in Deutschland eine sehr stabile und treue Basis von LeserInnen hat und weiter haben wird. Die Bandbreite der Themen ist nach wie vor groß, viel weniger festgefahren und schubladisiert als in der Fantasy – da geht ganz sicher noch eine Menge!

  6. Kaffee-Charly

    Bravo!
    Mir geht dieses dünkelhafte Untergangsgeschwafel auch ziemlich auf den Senkel.
    Dass SF in erster Linie einfach nur Unterhaltungslektüre ist und keinen kulturellen Entwicklungsauftrag hat, scheinen manche Leute einfach nicht begreifen zu wollen.

    • r0ll1ng3r

      Aber SF muss ja auch nicht doof und platt daherkommen.
      SF der Spaß macht kommt zum großen Teil immer noch in Buchform daher. Es gibt ja zum Glück Ausnahmen. Nur weil ein Raumschiff ‚PewPew‘ macht ist das noch lange kein SF. Es ist die endlose Verfolgungsjagd ob Cowboy zu Pferd, oder Gangster in NewYork mit dem Auto nur mit anderen Bilder.
      SF ist nur Unterhaltungslektüre? Das tut weh und das stimmt auch nicht. SF Freunde wissen das.

      • susannegerdom

        Du findest in der SF alles – im Prinzip ist doch für jeden Leseanspruch was dabei. Willst du Bäng-Bäng, kannst du es haben – und zwar von platt bis hochkompliziert – willst du Gesellschafs- oder Wissenschaftskritik, dann kriegst du sie auch … aber unterhaltsam ist das alles. DAS, wenn überhaupt, ist doch die Überschrift über jeder Genreliteratur: Sie soll in erster Linie unterhalten. Es ist die Entscheidung des Lesers, auf welchem Niveau das passieren soll. (Ich habe zum Beispiel selten ein so unterhaltsames Buch gelesen wie Accelerando von Stross, aber ich kenne einige Leute, denen das „zu anspruchsvoll“ war. Ist halt Geschmackssache, wie alles in der Literatur.)

  7. r0ll1ng3r

    @susannegerdom: Ja ich stimme Dir zu. Aber wenn man sich nicht in SF Kreisen bewegt da meint man SF würde nur noch aus Star Wars etc bestehen und das wird verteidigt als wäre es heilig. Mir war SF lieber als man es irgendwie heimlich las weil es so schräg war 🙂
    SF soll phantastisch sein und irgendwie auch traumhaft , femd und nicht nur eine Fortführung der gleichen Konflikte an einem anderen Ort.
    Ob jetzt Filme wie THX1138 oder die fats naiven Geschichten von Philip Dick. Wen nda kein Raumschiff dabei ist, ist es scheinbar kein SF.
    SF Filme mutieren immer mehr zu Kriegsfilmen und eine gewisse Waffengeilheit nimmt zu. Selbst dieser Avatar (ich schaute den nicht) waren im Trailer zu 50% ein Geballer, das mich endlos langweilte. Nicht das ich was gegen Geballere habe, ganz und gar nicht. Aber SF sollte doch ein wenig anders rüberkommen. Story wäre ganz gut.
    Immer die lahme geschichte vom Held der das Universum rettet und die Prinzessin bekommt. Solche platten Hollywoodplots kann doch kein Erwachsner mehr ertragen. Aber wie es scheint blieb für viele die Welt bei Star Wars‘ Plüschpüppchen stehen.
    Wa mich stört. Von genau dieser Masse wird SF abgelehnt und nur Star Wars als die wahre SF gefeiert. „Komm wir schauen Star Wars nochmal, dass ist jetzt in 3D“ , solche Sätze geben mir echt zu denken.
    Es ist wie es ist. Schlechte Filme sind an kein Genre gebunden, können aber einem Genre schädigen, durch die selben Klischees wie aus alten Billigwestern.

    Ich las heute, dass der NASA das Geld ausgeht und das beruhigt mich dann irgendwie und gibt mir Recht. Aber das ist ein anderes Thema.

  8. susannegerdom

    Ah. Das ist aber auch das Problem jeder Genreliteratur – der Schnitt, die breite „Masse“ ist platt wie ein Pfannkuchen und bietet immer wieder nur das Gleiche. Frag mich mal, ich schreibe Fantasy und muss darum kämpfen, meine Sachen irgendwie mit dem Mainstream-Geschmack kompatibel zu machen. Tu ich das nicht, krieg ich ein Manuskript auch prompt nicht verkauft …
    Da hat die SF in ihrer kleinen Nische es wirklich sogar „besser“ (wobei ich als Produzierende das mit einem weinenden Auge sehe – meine SF-Manuskripte hab ich meinen Verlagen bisher nicht verkaufen können, weil „SF in Deutschland nicht geht“ ). Aber ich bin seit den Siebzigern ein Fan dieses Genres und habe damals alles gelesen, was Goldmann und Heyne, Knaur und Fischer zu bieten hatten. Mit größtem Genuss, gerade wegen der Bandbreite, die das Genre zu bieten hat. Ich finde es auch extrem schade, dass das und die schriftstellerische Qualität vieler SF-Werke hierzulande nicht recht erkannt werden.

    • r0ll1ng3r

      Meine Zustimmung auch für folgenden Kommentar.
      Kann man ihre SF Stories irgendwo lesen? Würde mich interessieren.

      • susannegerdom

        Leider nein. Aber ich sollt e mich vielleicht endlich mal darum kümmern … 🙂

      • cursory

        Hier bietet sich dann ja vielleicht doch eher ein seriöser Kleinverlag an, Susanne.

      • susannegerdom

        Ja, genau das meine ich mit „kümmern“ … (Das kostet richtig Zeit – Auswahl, Kontakt aufnehmen, Exposé basteln, Leseprobe aussuchen … Hmpf. ^^)

  9. Pingback: Erinnerungen an die Zukunft « REMID Blog

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