Work in progress

Der Tag, an dem Julia ihren Mann ermordete, fing relativ harmlos an.

Martinus Caius hatte die Nacht mit Zerstreuungen verbracht, die seine Ehefrau dezent organisiert hatte. Er war spät – oder früh, je nach Sichtweise – zu Bett gegangen und zur Mittagszeit aufgewacht, ausgestattet mit schlechtem Atem, einem Mordskater und ausgesprochen entsetzlicher Laune. Das war nicht gut geplant, denn am frühen Nachmittag würden hochrangige Gäste das Anwesen der Verwandtschaft besuchen. Ein großer Empfang war bereits am gestrigen Tag mit hektischer Betriebsamkeit vorbereitet worden, und die Arbeit wurde bei Sonnenaufgang wieder aufgenommen. Erwartet wurden die höchsten Notabeln der Insel, hohe Offiziere, Landbesitzer, sowie Händler. Darunter waren einige sehr wichtige Geschäftspartner sowohl des Vaters von Martinus, wie auch seiner Verwandten, und es war absolut notwendig, sich von der allerbesten Seite zu zeigen. Alle sahen in dem Trunkenbold den Nachfolger des Vaters an, und obgleich die Nachricht seiner Exzesse langsam die Runde machte – Huren war nicht dafür bekannt, allzu verschwiegen zu sein -, wurde das von Männern bei Männern weitgehend als Kavaliersdelikt angesehen. Er repräsentierte Geld und Macht, beides Aspekte, die dazu anhielten, über kleinere Mängel geflissentlich wegzusehen.

Auch Julia hatte eine Rolle zu spielen. Sie sollte mit ihrer kleinen Tochter im Arm auftauchen und die begeisterte wie auch devote Ehefrau spielen, die angenehme Gastgeberin, die Frau von Adel – sie kam ja schließlich aus einer Senatorenfamilie – und von Geist, der sanfte, weiche Gegenpol zum burschikosen Geschäftsmann. Julia hatte nichts dagegen. Es verlangte ihr danach, hier auf dem Lande auch mal andere Leute kennenzulernen, und dann vielleicht sogar welche, die vollständige Sätze bilden konnten und zumindest Basiskenntnisse über die Welt außerhalb der Insel hatten.

Julia war durchaus bescheiden geworden.

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