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Eine Ernennungszeremonie wie diese war immer ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: die Gäste wurden bewirtet und erhielten die Gelegenheit, nicht nur Zeuge eines historischen Vorganges zu sein, sondern auch das Ohr des neuen Grafen zu erhaschen und Bitten und Fragen vorzutragen. Auf der anderen Seite aber mussten diese Bitten und Fragen, wollten sie tatsächlich die Aufmerksamkeitsschwelle des Grafen überschreiten, mit einem gewissen Nachdruck vorgetragen werden. Dieser Nachdruck bestand im Regelfalle aus Geschenken. Die Übergabe dieser Geschenke war ein fester Bestandteil des Tages und hatte schon fast den Charakter einer Prozession, da sich die Schenkenden in einer langen Schlange anstellten, um dem Grafen ihr Präsent zu überreichen. Jeder sollte, ja musste es sehen: denn je größer das Geschenk, so durfte man sich ausrechnen, desto wichtiger der Gast und desto größer sein Einfluss beim Grafen, was wiederum dazu beitrug, dass die weniger Begüterten (oder Verschuldeten) sich diesem Patron als Klienten anschließen und durch ihn ihre Interessen vertreten würden. So entstand an einem Tag ein unsichtbares Netz an tatsächlicher und angenommener Macht, bestehend aus den Großen und weniger Großen, deren Einfluss entweder ein realer oder ein eingebildeter oder eine Mischung aus beidem war. All dies würde für die restliche Amtszeit des Grafen immer wieder neu ausbalanciert werden, mit sanften und manchmal auch ruckartigen Verschiebungen der Gewichte, aber letztlich immer diesem einen, ewig gleichen Prinzip folgend.

Und der Graf saß inmitten von alledem wie eine fette Spinne, die die Fäden zog, aber andererseits auf die Tragfähigkeit des Netzes angewiesen war, um selbst Beute zu machen.

Wie gesagt, es war ein Geschäft.

Ich war froh, nur ein armer Landbaron zu sein. Ich bekam manchmal am Markttag eine Einladung zu einer Suppe. Wenn die alte Nelly die Köchin war, musste ich sie aber auf jeden Fall bezahlen. Und dann war es auch keine Einladung, sondern eine Anweisung, gefälligst eine zu kaufen, egal, ob ich nun hungrig war oder nicht.

Aber ihre Suppen waren sehr lecker. Sie hatte ein Händchen für die richtigen Zutaten.

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