Work in progress

„Sie bleiben erst einmal hier an Bord. Das dürfte derzeit der sicherste Platz für Sie sein.“

Die Talithi nickte dankbar.

„Und dann sollten wir uns unsere Ladung wieder besorgen.“

Gho’o’thet sah überrascht auf.

Sentenza grinste.

„Wir haben einen Liefervertrag zu erfüllen.“

„Aber…“

Sentenza hob eine Hand.

„Wir vom Raumcorps nehmen das sehr ernst. Ein Vertrag ist ein Vertrag ist ein Vertrag.“

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Leot mochte gut planen können, gut organisieren und er mochte die Stimme hören, aber mit Frauen hatte er seine Probleme. Dass Dorna das nicht weiter störte, sondern sie genauso mit ihm flirtete, ihn beschimpfte, ihn verachtete und beachtete wie alle anderen Männer, machte die Sache für ihn nicht einfacher. Leot war nicht gerne verwirrt. Er liebte klare Strukturen, Kausalitäten, die Ordnung. Er schätzte die Informationen der Stimme, ihre kühle Freundlichkeit, die realitätsnahe Zuversicht, die pragmatische Hilfe ihrer Offenbarungen.

Dorna verwirrte ihn.

„Du… ich weiß nicht…“

„Wann hast du das letzte Mal mit der Stimme geredet?“

„Vor gut drei Wochen.“

„Und wie lange willst du noch warten?“

Leot zuckte mit den Achseln. „Sie haben eben alles abgesperrt. Und sie haben die Streifen verstärkt. Vielleicht suchen sie nach uns.“

„Die Sklaven suchen nicht nach uns, sie suchen nach jenen, die dafür gesorgt haben, dass der große Aufruhr ausgelöst wurde.“

Die Verachtung in Dornas Stimme verletzte Leot, doch er bemühte sich, seine Gefühle nicht zu zeigen. Die anderen Freien sahen und hörten zu. Er durfte sich nicht verletzen lassen. Er war derjenige, der die Stimme hörte.

Er konnte ein klein wenig Respekt erwarten.

„Du bist ein Trottel, Leot!“

Nur von Dorna wohl nicht.

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Der junge König hatte früh aufstehen müssen.

In der Nacht war die aksumitische Delegation angekommen. Die Kriege zwischen den drei nubischen Nachfolgestaaten, die die Reste des einst mächtigen Kusch unter sich aufgeteilt hatten, waren eine Sache. Das mächtige Aksum war eine ganz andere. Ezana hatte eins Meroe erobert, die alte Hauptstadt von Kusch, und damit dem einstmals so mächtigen Reich den Todesstoß versetzt. Aksum hatte aber auf eine dauerhafte Eroberung verzichtet – die territorialen Interessen lagen eher im arabischen Raum und man hatte nichts gegen drei schöne Pufferstaaten zwischen sich und Rom. Das hieß aber nicht, dass sich Aksum nicht für das interessierte, was in Nobatia, Makuria und Alwa stattfand, und der Feldzug von Charamadoyes Vater hatte nicht unbedingt Freude in Aksum ausgelöst.

Die Ältesten vermuteten, dass die Delegation, die nunmehr in der Haupstadt Pharas eingetroffen waren, den jungen, gerade frisch aufgestiegenen König freundlich darauf hinweisen wollten, dass der Kaiser ein wachsames Auge auf die nubischen Entwicklungen habe und daher auch ein ungestümer Mann wie Charamadoye lieber zweimal überlegen sollte, ehe er zu neuen Taten aufbrach.

Der König von Nobatia hatte damit absolut kein Problem.

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Sentenza machte einige Schritte nach vorne. Er drehte sich nicht um, als er hörte, wie sich die Öffnung im Schiffsleib hinter ihm schloss. Dann blieb er stehen, abwartend und bemüht, nicht allzu mürrisch dreinzublicken.

Erwartungsgemäß war es das Neutrum, das sich schließlich direkt vor ihn stellte. Es nahm sich nicht die Zeit für eine große Vorstellung.

„Captain Sentenza?“

„Das bin ich. Warum wurde mein Schiff umstellt? Gibt es eine Bedrohung?“

„Wir gehen nicht davon aus, dass Sie oder Ihr Schiff eine Bedrohung darstellen.“

Die Antwort kam sehr hastig. Offensichtlich sollte dieses mögliche Missverständnis gleich zu Anfang ausgeräumt werden. Sentenza entspannte sich etwas und merkte erst dadurch, wie angespannt er überhaupt gewesen war.

Er lächelte.

„Dann erklären Sie mir bitte die Sicherheitsmaßnahmen. Wird mein Schiff etwa von außen bedroht?“

„Nein, keinesfalls. Es ist eine… wir wollen gewährleisten, dass wir bekommen, weswegen wir hier sind.“

Eine Drohung, dachte Sentenza. Eine Demonstration der Macht.

„Weswegen sind Sie hier?“, fragte er.

„Sie haben gestern Abend eine Ladung erhalten.“

„Das ist korrekt.“

„Es handelt sich hierbei um einen Irrtum. Wir möchten Sie bitten, die Laderäume zu öffnen und die Container wieder auszuladen.“

Das A’Talithi machte eine Handbewegung. Ein Lastgleiter sowie zwei Laderoboter waren in der Nähe der Ikarus erschienen. „Wir helfen Ihnen. Es wird nicht lange dauern.“

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Johanna Fanck war nicht viel mehr als ein Büroalbino, eine von Dutzenden Staubtauchern, die im Großraumbüro von TechnoPlex saßen und auf ihre Monitore starrten. Wichtig genug, einen klimatisierten Raum, geregelte Mittagspausen sowie einen alten Nahrungsautomaten in der viel zu engen Kantine zu verdienen, aber bei weitem nicht wichtig genug, um moderne Holoschirme oder gar ein NeuroLAN zu erhalten, wie es in den Großraumbüros ein Stockwerk höher der Fall war.

Natürlich wussten alle, dass der Krieg diese Unterschiede sehr schnell verwischen würde. Johannas latente Unzufriedenheit mit ihrem Job – und das, obgleich es ihr besser ging als der Mehrheit der Menschheit – hatte sich mit der wachsenden Kriegsangst aufgelöst. Dazu kam sicher auch, dass TechnoPlex als Teil des militärisch-industriellen Komplexes in der Kriegsvorbereitung quasi verstaatlicht und mit Aufträgen überschüttet worden war. Neben militärischer Software und Logistik gehörte auch die Produktion von mobilen Raketenwerfern, ewig haltbaren Rationspackungen sowie elektronischen Brillen für die Helme der normalen Infanteristen zum Geschäftsbereich der Firma. TechnoPlex war es bereits zu Friedenszeiten gut gegangen, jetzt aber konnte man sich vor lauter Arbeit nicht retten. Sämtliche Ressourcen wurden auf die Vorbereitung der nahenden Invasion konzentriert, alle Mitarbeiter arbeiteten in Doppelschichten, und auch die Leute aus dem Büro eine Etage höher sahen zunehmend hohlwangig und grau aus, wenn Johanna ihnen auf dem Gang einmal begegnete.

Das machte sie alle gleich. Johanna hatte gerade ihre zweite Acht-Stunden-Schicht begonnen, die Arbeit für nur eine halbe Stunde unterbrechen dürfen, eine Kleinigkeit gegessen, ein lahmes, inhaltlosen Gespräch mit Kollegen geführt. Sie hatten alle kein Privatleben mehr, abgesehen von dem bisschen, dass sich hier während der Arbeit abspielte, und daran hatten alle jede Freude verloren. Johanna wusste von verzweifeltem Sex in Lagerräumen und von Chefs, die sich endlich an ihre Sekretärinnen rantrauten, da ihnen die Meinung ihrer Ehefrauen nunmehr endgültig völlig egal war.

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Der Weg zum Aufenthaltsort seiner Gastgeberin war nicht weit. Talithi schienen keine Büros im klassischen Sinne zu schätzen, denn die Administratorin empfing ihn in einer Art Atrium, umgeben von bunten und wohlriechenden Gewächsen, mitten in einem kunstvoll angelegten Garten. Sie saß auf einer steinernen Bank und hielt ein Datenpad in der Hand, das sie konzentriert konsultierte. Gegenüber stand eine weitere Bank, unbesetzt, und zwischen ihnen ein Tisch, auf dem eine Kanne und zwei Tassen das Ensemble vervollständigten. Ehe sich Sentenza bedanken konnte war das A’Talithi bereits wieder verschwunden. Sentenza machte einen Schritt nach vorne und wollte sich bereits räuspern, als Ghio’o’thet aufblickte und mit einer eleganten Handbewegung in Richtung Steinbank zum Sitzen aufforderte.

„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Captain“, erklärte sie mit einer angenehm melodischen Stimme. „Darf ich Sie mit dem Nationalgetränk der Talithi vertraut machen? Wir nennen es Chol. Es ist dem Kaffee, dem Ihre Spezies so zugetan ist, nicht unähnlich. Wir haben uns vergewissert, dass der Trunk für Sie ungefährlich ist. Viele Besucher menschlicher Abstammung haben ihn bereits genossen. Darf ich?“

Sentenza nickte. Er war aus beruflichen Gründen dermaßen mit Impfstoffen vollgepumpt, dass ihn fast gar nichts umbringen konnte. Die Flüssigkeit, die die Administratorin eingoss, dampfte angenehm und verbreitete einen süßlich-scharfen Geruch, der auf interessante Weise mit den Düften der Pflanzen harmonierte. Sentenza war sich ziemlich sicher, dass das keinesfalls ein Zufall war.

„Ich habe gehört, Sie sind meiner Vorgesetzten bereits begegnet“, begann Sentenza, nahm einen Schluck, versuchte den Geschmack einzuordnen, gab es aber auf und genoss einfach nur.

„Direktorin McLennane ist mir bekannt. Eine faszinierende Persönlichkeit.“

„Das ist korrekt“, gab Sentenza zu und bemühte sich, jede Nuance von Zweideutigkeit aus seinen Worten fernzuhalten.

„Ich habe angedenk unseres Treffens um die Entsendung Ihres Schiffes gebeten“, erklärte die Administratorin. „Ich hatte das Gefühl, das mein Anliegen in den Händen des Raumcorps besser aufgehoben ist als bei unseren… Freunden vom Multimperium oder der Föderation.“

Sentenza runzelte die Stirn. „Über welches Anliegen genau reden wir gerade? Sie meinen sicher die medizinische Mission!“

„Diese ist mit dem, worum es mir geht, inhaltlich verbunden, ja. Letztlich aber ist es eine etwas… delikate Angelegenheit, vor allem für uns. Ich würde Sie nicht damit belästigen, wenn es nicht so wichtig wäre.“

„Direktorin McLennane hat mir davon nichts gesagt.“

„Sie weiß auch nichts davon.“

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Die ganze Anlage hatte nicht mehr als diese eine Ebene, es gab keine anderen Stockwerke, zumindest nicht auf der Darstellung des Plans, den Roby in Händen hielt. Er traute Lageplänen militärischer Anlagen nicht sehr weit, vor allem dann nicht, wenn sie Außenstehenden überlassen wurden. Normalerweise bekam man nur zu sehen, was man unbedingt sehen musste. Und so schaute Roby auf dem Weg verstohlen an die Decke und auf den Fußboden, oder versuchte, hinter Türen Fahrstühle zu identifizieren. Zu seiner eigenen Enttäuschung fand sich jedoch auf dem gut fünfzehnminütigen Fußmarsch keinerlei Hinweis auf andere Stockwerke.

Als sie ihre Bereiche erreicht hatten, überließ der Offizier Roby die Details. Die Truppe wurde in zwei Gruppen aufgeteilt, deren Standorte durch ein Stück Ringgang verbunden waren. Sie postierten sich vor jeweils einer schweren Metalltür, erneut mit zwei Flügeln, die fest verschlossen war und, wenn es nach Roby ging, auch so bleiben würde.

Erneut hoffte er, dass sich Bella von diesen Abschnitten fern halten würde.

Es begann das Warten, und keiner von ihnen wusste genau, worauf eigentlich. Roby hatte nicht viel Ahnung über die Klonproduktion, aber er vermutete, dass die Fertigstellung einer Reihe von Geschöpfen unmittelbar bevor stand und dass etwas Unvorhergesehenes geschehen war, das verstärkter militärischer Absicherung bedurfte.

Er sah den Offizier forschend an, so dass dieser sich bemüßigt sah, Roby anzusprechen.

„Ja, Sergent, ist etwas?“

„Sie wissen doch ein wenig mehr als das, was uns gesagt wurde, oder?“

Der Lieutenant tippte auf seine Schläfe, an der sich unter einer dünnen Schicht Haut die sanfte Rundung eines NeuroLAN-Moduls abzeichnete.

„Das ist korrekt, Sergent.“

„Ihrer Antwort entnehme ich, dass Sie mir diese Informationen nicht mitteilen wollen.“

„Das ist korrekt, Sergent.“

Er musste Robys Gesichtsausdruck richtig gedeutet haben, denn er fügte noch hinzu: „Ich darf nicht, Sergent. Schießen Sie einfach auf alles, auf das ich zeige und stellen Sie keine weiteren Fragen.“

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Als Roby sich meldete, saß jemand beim Capitaine, der keine Uniform trug, ein blässliches Kerlchen, dürr, mit großen, hervorstehenden Augen, die ihn mit einer gewissen Kälte fixierten. Keine Uniform war ein Warnzeichen, denn so lästig die uniformierten Geheimdienstleute auch waren, gehörten sie doch noch irgendwie dazu. Die Zivilisten jedoch, die sich eher selten hinter ihren Schreibtischen hervor wagten, waren die wirklich unangenehmen Zeitgenossen, darin waren sich alle einig.

Als der Mann Roby die Hand gab, fühlte sich das an, als würde er einen Fisch umklammern. Der Zivilist präsentierte ein Lächeln, das Milch sauer werden ließ. So wusste sich Roby in seinen Vorurteilen bestätigt.

Er durfte sich aber erstmal setzen.

Der Capitaine fuhrwerkte etwas in Unterlagen, eher er sagte: „Caporal, dies hier ist Agent Piotrowski von der Inneren Sicherheit. Er hat um dieses Gespräch gebeten.“

Roby heftete seinen Blick auf das schmale Gesicht des Agenten. Der schwarze Anzug mit der blassblauen Krawatte sah maßgeschneidert aus. Immerhin, man verdiente nicht schlecht als Scherge der Sphäre.

„Caporal, ich habe viel Positives über Sie gehört. Von einem Dieb und Straßengangster zu einem angesehenen Mitglied unserer militärischen Gemeinschaft.“

Selbst der Capitaine verzog beim „unserer“ unmerklich die Lippen.

„Sie sind der lebende Beweis dafür, dass es für jeden eine zweite Chance gibt, Caporal“, fuhr Piotrowski unbeirrt fort. „Jeder kann auf den rechten Weg zurückkehren. Jeder kann es schaffen, wieder den Pfad des Lichts zu betreten und einer düsteren Vergangenheit abzuschwören.“

Was auch immer dieser Mann nahm, dachte Roby, er wollte davon nichts abhaben.

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Hier hatte jemand viel Geld und Sachverstand investiert, um eine Umgebung zu schaffen, die, dessen war sich Daxxel sicher, auf die Sinne möglichst vieler Intelligenzen gleichermaßen angenehm wirkte. Das war eine ordentliche Leistung, und sie hatte ihren Effekt: Daxxel fühlte sich hier unvermittelt sehr wohl.

Der Leibwächter lieferte ihn bei einer Vorzimmerdame ab, die genauso Mensch war wie Daxxel und dem angenehmen Ambiente noch eine zusätzliche attraktive Note verlieh.

Zumindest war das die Ansicht des jungen Diplomaten, der das freundliche, wenngleich einstudierte Lächeln der Frau gerne erwiderte.

„Grant erwartet Sie, Botschafter Daxxel“, erklärte sie einer samtweichen Stimme, in der man baden wollte.

Sie führte ihn durch eine zweiflüglige Tür in ein fußballfeldgroßes Büro. Hinter einem Schreibtisch von ebenfalls erheblichen Ausmaßen saß ein gut gekleideter Herr in den frühen Sechzigern mit makellos gescheiteltem Haar und aparten Falten im Gesicht, das Sinnbild von Würde, Seriösität, Intelligenz und Vertrauenswürdigkeit.

Und alles völlig fabriziert, denn der wahre Grant war ein schwarzblauer Gelklumpen im Gehirn der Präsidentin. Was sich da erhob und mit einem immens sympathischen Lächeln auf Daxxel zukam, war der angekündigte Avatar, ein ferngesteuerter Androide, gelenkt durch eine überlichtschnelle Direktverbindung von Carol Myas’ Gehirn aus, oder vielmehr dem Teil, der Grant war. Kaum bemerkbar außer für ein geschultes Auge waren die winzigen Aussetzer, die der Avatar hatte, weniger in seinen grobmotorischen Bewegungen, sondern eher in der Art und Weise, wie er Mimik einsetzte. Das hing wiederum mit Bruchteilen von Aussetzern zusammen, die Hyperlinkverbindungen über sehr weite Entfernungen charakterisierten. Viele solcher Kontaktverluste konnten durch die Automatik des Androiden kompensiert werden, aber da diese Maschinen darauf ausgerichtet waren, ihre Herren möglichst genau abzubilden, waren sie kaum vermeidbar. Grant konnte irgendwo in der Galaxis sein, so lange er sich nur in der Nähe eines akteninternen Hyperfunknodus befand, eines sündhaft teuren, energieverschlindenden Monsters, das nur den höchsten Kreisen der Akte Zugang gewährte, um ausreichend Bandbreite zu ermöglichen.

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Der Tag, an dem Julia ihren Mann ermordete, fing relativ harmlos an.

Martinus Caius hatte die Nacht mit Zerstreuungen verbracht, die seine Ehefrau dezent organisiert hatte. Er war spät – oder früh, je nach Sichtweise – zu Bett gegangen und zur Mittagszeit aufgewacht, ausgestattet mit schlechtem Atem, einem Mordskater und ausgesprochen entsetzlicher Laune. Das war nicht gut geplant, denn am frühen Nachmittag würden hochrangige Gäste das Anwesen der Verwandtschaft besuchen. Ein großer Empfang war bereits am gestrigen Tag mit hektischer Betriebsamkeit vorbereitet worden, und die Arbeit wurde bei Sonnenaufgang wieder aufgenommen. Erwartet wurden die höchsten Notabeln der Insel, hohe Offiziere, Landbesitzer, sowie Händler. Darunter waren einige sehr wichtige Geschäftspartner sowohl des Vaters von Martinus, wie auch seiner Verwandten, und es war absolut notwendig, sich von der allerbesten Seite zu zeigen. Alle sahen in dem Trunkenbold den Nachfolger des Vaters an, und obgleich die Nachricht seiner Exzesse langsam die Runde machte – Huren war nicht dafür bekannt, allzu verschwiegen zu sein -, wurde das von Männern bei Männern weitgehend als Kavaliersdelikt angesehen. Er repräsentierte Geld und Macht, beides Aspekte, die dazu anhielten, über kleinere Mängel geflissentlich wegzusehen.

Auch Julia hatte eine Rolle zu spielen. Sie sollte mit ihrer kleinen Tochter im Arm auftauchen und die begeisterte wie auch devote Ehefrau spielen, die angenehme Gastgeberin, die Frau von Adel – sie kam ja schließlich aus einer Senatorenfamilie – und von Geist, der sanfte, weiche Gegenpol zum burschikosen Geschäftsmann. Julia hatte nichts dagegen. Es verlangte ihr danach, hier auf dem Lande auch mal andere Leute kennenzulernen, und dann vielleicht sogar welche, die vollständige Sätze bilden konnten und zumindest Basiskenntnisse über die Welt außerhalb der Insel hatten.

Julia war durchaus bescheiden geworden.